Ich kann was!

Vergangenen Montag kam einer meiner Schüler wie immer pünktlich zum Unterricht – aber etwas war anders. So sehr, dass ich mich im ersten Moment sogar ein wenig erschrocken habe.

Mein sonst so munterer, wortgewandter und witziger Viertklässler saß mir mit müden Augen gegenüber, hatte keine richtige Lust mit zu machen und war schlagartig sehr schweigsam. Sicher, einen schlechten Tag hat jeder einmal, aber nach einiger Zeit lernt man seine Schüler ja doch kennen und so beschloss ich, die Mathebücher bei Seite zu legen und der Sache auf den Grund zu gehen. Denn das ist ja der Vorteil im Einzelunterricht – dafür findet sich immer Zeit. Sollte es zumindest, finde ich.

Ich hakte also nach und nach langem Hin und Her und einiger Fragerei meinerseits, welchem nur mit knappen Antworten begegnet wurde, schaute mich mein Schüler schließlich an, seufzte einmal schwer und machte nun mehr den Eindruck eines erschöpften 40-Jährigen, welcher nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam, als wie ein normaler kleiner Heranwachsender zu wirken.

Ich bin müde. Müde vom Alltag. Vom Stress.

, sagte er.

Im ersten Moment wusste ich gar nicht so richtig, was ich sagen sollte. Ich erinnerte mich kurz an meine Grundschulzeit. Stress? Keine Spur! Jedenfalls nicht so, dass ich mich dran erinnern konnte. Wie kann es sein, dass ein Viertklässler schon so gestresst ist? Sicher, das mag nicht nur an der Schule liegen, aber im weiteren Gespräch fand ich heraus, dass das immerhin einer der Gründe ist.

Ich kam ins Grübeln. Meine Schüler sind bei mir, weil sie ein „Problem“ haben – sei es Schwierigkeiten mit der englischen Grammatik oder damit, sich zu konzentrieren. Sie alle haben eines gemeinsam.  Tag für Tag müssen sie eines erbringen: Leistung. Hier eine Note, dort ein Test, hier ein Referat und so weiter. Da bleiben Hobbies und Interessen häufig auf der Strecke. Einige meiner Schüler hasten von Schule zum Training, dann kurz nach Hause, Hausaufgaben, Essen und dann ab ins Bett.

Aber ist überhaupt noch Platz für das, was Spaß und Freude macht? Diese Lücken, in denen man einfach nur das macht, worauf man Lust hat, sind meiner Meinung nach essentiell um nicht irgendwann nur noch gefrustet zu sein.

Deshalb bin ich umso glücklicher, wenn einmal bei mir im Unterricht Zeit ist, über etwas anderes zu reden, als Schule oder die letzte Zensur. Ich genieße solche Momente sehr, denn man lernt die Schüler so viel besser kennen. Besonders schön finde ich es, wenn meine Schüler mir von ihrem Hobby erzählen, sei es die Lieblingsserie oder ein neu entdecktes Talent. So wie gestern, als mein Englischschüler plötzlich einen Zauberwürfel herausholte und mir stolz präsentierte, was mich mit Staunen zurück ließ.

 


 

Dieses Strahlen in den Augen von Kindern und Jugendlichen, wenn sie etwas erreicht haben oder von etwas das sie begeistert, antreibt, motiviert – sie schlicht glücklich macht – erzählen, ist unbezahlbar. Meiner Meinung nach ist es unglaublich wichtig, viel mehr solcher „Strahlmomente“ zu haben – auch als Erwachsener. Luft zum Atmen haben, das machen, worauf man Lust hat. Ein Hobby ausüben, Talente entdecken.

Darauf mag es zwar vielleicht keine Note geben, aber solche Momente sorgen dafür, dass man dem  Leben und dem stressigen Alltag trotz alledem auch mal ein „Sehr gut“ geben kann. Schließlch wäre es doch mal schön, wenn man auf die Frage „Wie geht’s dir?“ mit einem ehrlichen „Gut!“ antworten könnte, statt dem Üblichen „Naja, Schule halt…“

Ach und übrigens: Meinen Schüler habe ich erfolgreich mit Hilfe eines neuen Spiels aufheitern können – auch das Reden schien ihm etwas geholfen zu haben.

Wie sieht es bei euch aus? Welche Talente habt ihr? Was können eure Kinder? Gibt es irgendwelche verrückten Hobbies?

 

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